Wulffschanze, den 6. September…

Ich war durchaus eher für Wulff denn für Gauck als Bundespräsidenten. Das hat auch damit zu tun, daß ich mir bei Joachim Gauck nicht recht sicher war, ob er – was ich für zwingend erforderlich halte – Israel gegenüber eine positive Grundhaltung hat. Ich bin eben der Meinung, daß unsere Werte sich besonders darin zeigen, daß wir zu Israel stehen, und halte es deswegen für eine Prämisse richtiger Politik.

Und nun – ein Dürrenmatt-Abklatsch: Wullf gibt den Staatsanwalt, den Richter und den Henker in einer Person. Er klagte Sarrazin an und ermunterte die Bundesbank, zu handeln: “Ich glaube, dass jetzt der Vorstand der Deutschen Bundesbank schon einiges tun kann, damit die Diskussion Deutschland nicht schadet – vor allem auch international”, sagte der Bundespräsident. Das ist eine kaum noch verklausulierte Aufforderung, Sarrazin rauszuschmeißen. Als Wulff dann auffiel, daß er selbst am Ende die Entlassung verfügen würde, wurde ihm wohl doch etwas bange angesichts der Parodie auf ein ordentliches Verfahren, das ihn schlecht aussehen ließe. Also fordert er nun eine Stellungnahme von der – na? genau: von der Bundesregierung. Das ist die nächste Absurdität. Wie manche vielleicht noch wissen (viele scheinen es vergessen zu haben), ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit der Bundesbank, daß sie unabhängig ist. Wenn nämlich die Bundesregierung Einfluß auf die Geldstabilitätspolitik der Bundesbank nehmen könnte, dann bräuchten wir keine Bundesbank, weil es dann die Bundesregierung gleich selbst machen könnte. Dann allerdings wäre die DM niemals eine der stabilsten Währungen aller Zeiten geworden, und der Bundesbank-Beitrag zur Stabilität des Euro wäre ebenfalls nicht erbracht worden. Also hat die Bundesregierung dazu nichts zu sagen. Was aber tut Frau Merkel? Jawohl, sie redet – besser: sie läßt reden, wozu hat man schließlich Regierungssprecher? Und zwar folgendes: “Die Bundeskanzlerin hat die unabhängige Entscheidung des Bundesbankvorstandes mit großem Respekt zur Kenntnis genommen”. Falls Ihnen nichts aufgefallen ist, dann sehen Sie sich bitte noch einmal das fünfte Wort des Zitats an. Frau Merkel tut also so, als wäre die Bundesbank unabhängig zur Entscheidung gelangt, Sarrazin abberufen zu wollen. Nun – das ist sie nicht. Vielleicht wäre sie es, aber dazu hatte sie gar keine Chance. Zu schnell ist Frau Merkel zu hören gewesen mit ihrer Aufforderung, Sarrazin zu entlassen; zu schnell verurteilte sie – ein wohl einmaliger Vorgang in der Bundesrepublik Deutschland – Sarrazins Buch (was ihr unter anderem den Vorsitz ehrenhalber der Reichsschrifttumskammer einbrachte, jedenfalls den Titulierungen des deutschen Feuilletons nach).

Und nun ist dem Schülersprecher in der Wulffschanze etwas ungemütlich – hat er doch gemerkt, daß er alleine daheim sitzt, die Reise nach Jerusalem spielt, jedoch keinen Stuhl hat. Wenn die Musik abreißt, wird er sich nicht setzen können, sondern für alle erkennbar als Verlierer im Raume stehen. Dumm, daß er selbst dieses Spiel begonnen hat.

Das alles ist schon passiert. Was aber noch passieren kann – oder eben nicht –, ist, ob diese Geschichte auch einfach ausgesessen werden kann oder ob sie – endlich einmal! – Resultate zeitigen wird, die zu einer erfreulichen Veränderung führen werden.

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