Aus der Provinz

Eine freie Reichsstadt, die unter dem Dreißigjährigen Krieg recht gelitten hat, beschließt 1650 die Errichtung eines den Frieden feiernden Denkmals. Außerdem reicht auf dem zentralen Marktplatz die Wasserversorgung nicht aus, also verknüpft man beide Projekte, Kunst und Brunnen, zu einem. Ein seinerzeit weltberühmter Künstler erhält den Auftrag und fertigt den größten Barockbrunnen nördlich der Alpen an. Als er fertig ist, hat unsere Stadt kein Geld mehr, ihn aufzustellen, und stellt ihn in einer Scheune unter, wo ihn die Bürger gegen Eintrittsgeld besuchen.

Gut hundert Jahre später erfährt der russische Zar von dem Kunstwerk und kauft es – für acht Millionen Euro, nach heutigem Wert, läßt ihn in eine seiner Residenzstädte bringen und dort aufbauen. In unserer Stadt bleibt das alles in Erinnerung, und wiederum hundert Jahre später klemmt sich ein bis heute populärer Bürgermeister hinter die Sache, er verhandelt mit dem Zaren über einen Rückkauf; der Zar aber lehnt ab. Nach einigem Hin und Her erhält man die Erlaubnis, Abdrücke zu machen, mit denen man einen Zweitguß anfertigen könne. Nun fehlt aber wieder das Geld. Der Bürgermeister spricht die reichen Honoratioren seiner Stadt an, und einer erklärt sich schließlich bereit, den Zweitguß sowie den Aufbau zu bezahlen. Er stellt eine Bedingung, nämlich daß das Kunstwerk dort aufgestellt werden müsse, wo es seit 1650 stehen solle: auf dem zentralen Marktplatz. Die Stadt nimmt diese Bedingung – natürlich – an. Als der Brunnen 1902 errichtet und feierlich eröffnet wird, ist man nicht nur in unserer Stadt, sondern im ganzen Land aus dem Häuschen. Postkarten zu Hunderten, Reiseführer zu Dutzenden – alle zeigen ihn stolz vor, alle rühmen ihn und seinen edlen Spender, der hohe Orden, Ehrenbürgerschaften und sogar einen niedrigen Adelsstand erhält. Happy End? Weit gefehlt!

1933 kommen die Nazis auch in unserer Stadt ans Ruder. Bald wird die Plakette, die an den Stifter erinnerte, entfernt – denn der Stifter war Jude. Bald danach geht die Hetze los, daß der Brunnen weg müsse, denn er sei von einem Juden bezahlt worden – und wird bald “Judenbrunnen” genannt. Ein Jahr später ist es dann soweit, der Brunnen wird abgebaut. Sogar ein bestelltes Gutachten, das einen plausiblen Grund liefern sollte, kam zur Auffassung: der Brunnen gehört dahin, wo er jetzt steht. Natürlich ließen die NS-Gewaltigen das Gutachten schnell im Archiv verschwinden. Nun freuten sie sich über den kahlen, leeren Platz… Allerdings war unser “Judenbrunnen” immer noch gut genug, um schräg gegenüber des Büros des mächtigsten Nazis vor Ort aufgestellt zu werden.

Als die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg die russische Residenzstadt einnahm, in der der Zar den Erstguß jenes Kunstwerks aufstellen ließ, baute sie ihn ab, verpackte ihn und schaffte ihn nach Nürnberg – wo nun auf einmal beide Brunnen waren. Nach dem Krieg entdeckte man den geraubten Brunnen und brachte ihn nach Rußland zurück.

Die Bürger unserer Stadt hätten nun in den Nachkriegsjahren den Brunnen wieder auf seinen angestammten Platz setzen können. Das aber taten sie nicht; statt dessen versetzten sie ihn von seinem nunmehrigen Standort in einen Park, der außerhalb der Innenstadt gelegen ist. Federführend dabei war übrigens ein Baureferent, der in der NS-Zeit schon ein fleißiger Mitarbeiter des Bauamts gewesen ist und die Wegverlegung vom Marktplatz befürwortet hatte… Ein Schelm, wer Arges dabei denkt.

Nun gibt es wieder Bestrebungen, den Brunnen auf seinen alten Ort zu bringen. Und wieder hört man all jene scheußlichen Argumente, die man auch 1934 schon hörte – naja, fast alle.

Es ist eines der größten Kunstwerke unserer Stadt. Es gehört auf diesen Platz, der sonst nur als Aufmarschgelände taugt. Er ist schön.

Wie die Stadt heißt? Das finden Sie hier: www.neptunbrunnen.info

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