Frisch eingetroffen

Nach der Enttäuschung über Longerichs Goebbels-Biographie holte ich mir eben in der Buchhandlung meines Vertrauens frischen Stoff ab:

Schon „Abgehört“ von Neitzel war ein Buch, das eine Information, die zuvor nur innerhalb der Fachschaft kursierte, in die allgemeine Diskussion, in den allgemeinen Wissensstand hinüberdiffundieren ließ. Verkürzt gesagt, lautete sie: „Zumindest das höhere Offiziers-Corps der Wehrmacht wußte von der Judenvernichtung: wer, wie, wo, wieviele.“  Was nun das neue Buch ergeben wird, wird sich weisen – aber die Erwartungshaltung ist groß: die erste Auflage ist bereits vergriffen, mein Exemplar entstammt bereits der zweiten, und auch diese ist schon nicht mehr lieferbar. Da ich Neitzel durch seine Bücher und Veröffentlichungen als einen grundseriösen Historiker kennenlernte, erwarte ich mir auch von diesem Buch relevante Beiträge und Erkenntnisse zur Zeitgeschichte.

Das Buch der mir bislang unbekannten Bettina Stangneth soll, so wird in den zahlreichen und wohlwollenden Rezensionen durchgängig angekündigt, allerlei bequemen Legenden rund um Adolf Eichmann ein Ende bereiten. Sofern es ihm gelang, vor Gericht in Jerusalem seine Rolle in mehrfacher Hinsicht zu bagatellisieren, und es scheint ihm gelungen zu sein, wird hier einiges an Berichtigungen angekündigt. Man wird sehen. Auch die erste Auflage dieses Buches soll bereits vergriffen sein. Ich bin auf die Lektüre gespannt, die gleich nach Neitzels „Soldaten“ beginnen wird.

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Nein, mein Herr

Cover der Biographie

Peter Longerich ist ein anerkannter Historiker und besonders in den Themen „Das Auswärtige Amt im NS“ und Holocaust ein Fachmann unbestrittener Kompetenz. Aber ach, einen Verfasser guter Bücher mag ich ihn nicht nennen.

Seine Goebbels-Biographie ist schwach. Zunächst einmal erzählt er nicht Goebbels‘ Leben anhand der Chronologie des Dritten Reichs, er erzählt die Geschichte Deutschlands vor und im Nationalsozialismus mit gelegentlichen Verweisen auf Goebbels. Man muß sich beim Schreiben schon entscheiden, für wen, was und warum man schreibt. Dieses Buch läßt den Leser nicht erkennen, daß Longerich diese Frage vorab beantwortete.

Von einer Biographie erwarte ich mehr – oder jedenfalls: etwas anderes – als normative Aneinanderreihungen von Nächten, die Magda Goebbels in Hitlers Wohnungen verbrachte. Relevant wäre eine Interpretation, fundiertes Reflektieren, ein Standpunkt. Alldas ist nicht vorhanden; das Buch erweckt den merkwürdigen Eindruck, der einen erwachsenen Menschen beschleicht, wenn er sein altes Geschichtsschulbuch aus dem Regal nimmt und darin blättert. Das Buch prägt keine These, es läßt jede psychologische Betrachtung des Sujets vermissen, es bewegt sich zu sehr im Bereich des Allzubekannten. Longerich läßt nicht nur jede Gelegenheit verstreichen, „fleischlich“ zu erzählen – was doch ein nicht für mindere Qualität stehendes Merkmal vieler Biographien ist -, er läßt trotz des sich nicht unterhalb des Üblichen bewegenden Umfangs des Buches manches Detail weg. Überhaupt ist seine Schilderung zu geradlinig; er stellt selten dar, wie eine Entwicklung sich extemporierte, wie dieses oder jenes erst so, dann anders ausprobierte wurde, bevor es dann auf eine bestimmte Weise gemacht wurde. Im Privatleben habe ich den Eindruck, daß bis auf Longerichs Idee der Dreiecksbeziehung Goebbels-Magda-Hitler trotz der neuen Quellen der privaten Bestandteile des Tagebuchs keine neue Zeile gelesen zu haben.

Die Aneinanderreihung der einzelnen Kapitel wirkt zusammenhanglos. Das Buch hat keinen roten Faden. Trotz all der Quellen, die Longerich zur Verfügung standen, reicht seine Goebbels-Biographie in keiner Hinsicht an das Buch heran, das nach wie vor den Standard setzt: die 1962 erschienene Goebbels-Biographie von Helmut Heiber. Die kennt leider kaum jemand, auch wenn der Autor – Direktor des IfZ – einer der großen dieser Zunft war. Sie erschien wohl zu früh. Woran man wieder einmal erkennt: timing ist alles.

Ich bin enttäuscht.

He’s Barack Obama, he came to save the world

Nein, er ist kein guter amerikanischer Präsident. Er ist ein guter Redner, und er ist – mehr als Ronald Reagan es wohl jeweils war – der Teflon-Präsident schlechthin: Keine schlechte Nachricht bleibt an ihm haften.

Er ist deswegen ein schlechter Präsident, weil er seine Versprechungen meist nicht nur nicht erfüllt, sondern das Gegenteil wahr gemacht hat. Er hat die Wirtschaft nicht in Gang gebracht (was natürlich nie das Werk eines einzelnen Menschen ist, aber das ist eben das Schicksal des Mannes an der Spitze, daß ihm dies zugerechnet wird – oder nicht).

Am schlimmsten aber ist, daß Obama international Positionen seiner Vorgänger räumte, ohne eigene, neue Positionen einzunehmen. Man kann Positionen verändern, aber einfach aufgeben soll man sie nicht. In der islamischen Welt von Kairo bis Islamabad wird über Obama vor allem eines: gelacht. Seit seinem peinlichen, sich anbiedernden Auftritt vor der Kairoer Universität vor zwei Jahren nimmt ihn dort niemand mehr ernst. Während Bush recht viele Menschen auf bedenklicher Grundlage festnehmen und nach Guantanamo Bay schaffen ließ, läßt Obama sehr viele Menschen durch gezielte (Marschflugkörper-) Einsätze töten. Während Bush die Solarförderung in den USA durch ein Gesetz vom 03.10.2008 auf den Weg bracht, brachte Obama sie bisher nicht voran – obwohl er das am Tage seiner Amtseinführung auf der Homepage des Weißen Hauses als eine der dringlichsten Aufgaben bezeichnete. Obama ist inkonsequenz, läuft zu sehr tagesaktuellen Umfragwerten hinterher. Unter George W. Bush waren die USA streitbar – und keineswegs so isoliert, wie Schröder und Chirac das den Rest Europas glauben machen wollten; besonders jene Staates Mittel- und Osteuropas, die sich erst vor einigen Jahren von der Knute des Kommunismus frei machten, haben noch ein Wertesystem, in dem Freiheit eine besondere Stellung inne hat.

Unter Obama sind die USA versucht, everybody’s darling zu sein – und sind am Ende jedermanns Depp vom Dienst. Wer es allen recht machen will, macht es am Ende niemandem mehr recht.

Wer aber sollte ihn ablösen, nachdem Hillary Clinton ihren Rückzug angekündigt hat (was ich bedaure)? In der eigenen Partei niemand mehr, nachdem er gestern seinen Willen zur Wiederkandidatur erklärte. Und von den Republikanern? Auch wenn er (wie alle anderen) es noch von sich weist, tippe ich aus heutiger Sich auf Jeb Bush. Der könnte ein ordentlicher Präsident werden, der Amerikas Stärken wiederherstellt und nicht, wie Obama, schwächt. Man wird sehen. Jeb Bush wird auch von Politikern der demokratischen Partei geschätzt und respektiert – ein wichtiger Aspekt bei der notwendigen Wiederherstellung des amerikanischen Selbstbewußtseins. Diese Nation, die mehrfach die Welt aus den schlimmsten Krisen und vor den schlimmsten Bedrohungen rettete, die einen Wilhelm II, vor allem aber einen Hitler überwand, die einem Stalin widerstand und einem Mao Grenzen zog, hat keinen Anlaß, vor den Bedrohungen unserer Zeit zurückzuweichen, wie Obama dies tut. Man wird sehen, ob Jeb Bush kandidiert.

Nachtrag im Oktober 2011: Jeb Bush kandidiert nicht, wie seit längerem bekannt ist. Aber dafür kandidiert Herman Cain, und darüber bin ich froh.

 

Letzter Aufruf



Der Liberalismus in Deutschland ist in der Krise. Es ist dies nicht nur eine akute Krise, wie sie jede Partei oder jede politische Richtung von Zeit zu Zeit befällt, es handelt sich vielmehr um die Klimax einer chronischen Krise.

In einem scharf analysierenden Artikel in DIE WELT wurde dieser Tage vieles richtig festgestellt – insbesondere auch die Tatsache, daß der Liberalismus nicht den Wohlfühlbrei der Sozialdemokraten und ihrer gefühlten Wurmfortsätze anbietet, sondern etwas, was sowohl Chance als auch Zumutung darstellt, was Verantwortungsbewußtsein, aber auch Verantwortungsfreude fordert, was Bürgersinn fordert und Teilnahme an der res publica. Deswegen sind liberale Parteien kaum jemals Massenparteien, denn sie transportieren eine vielen zu unbequeme Botschaft. Andere Dinge mehr sind den (deutschen) Liberalen in der FDP stets zueigen gewesen. Da wäre zu nennen beispielsweise eine massiv den Rechtsstaat unterstützende Politik; eine Rechtsauffassung, die grundsätzlich die Freiheitsrechte der Bürger nicht ganz so gerne zugunsten von Fahndungserfolgen preisgibt; ein auf grundsätzlichen Erwägungen basierendes Menschenbild, das dem Individuum zunächst einmal das Gute zutraut und ihn deswegen auch in die Möglichkeit versetzen will, so vieles wie möglich ohne staatliche Obhut tun oder lassen zu dürfen. So weit, so sentimental und die Vergangenheit betrachtend ist diese Beschreibung.

Die FDP von heute ist eine Partei mit einem Außenminister, der eine einzige Peinlichkeit ist. Am Kairoer Tahirplatz läßt er sich von armen Ägyptern bejubeln, nachdem Mubarak gestürzt wurde (wo steckt der eigentlich, nebenbei gefragt?). In Libyen versagt Westerwelle so grandios, daß deutsche Meinungen zu Konflikten in der internationalen Wertegemeinschaft künftig etwa mit der Meinung von Moldawien auf einer Stelle stehen (Pardon gegenüber Moldawien). Ständiger Sitz im UN-Sicherheitsrat? Ich war nie dafür, weswegen ich auch ganz froh darüber bin, daß dieses Thema zu meinen Lebzeiten (ich bin 45) wohl vom Tisch ist.  Auch der Versuch, unter Herman van Rompuy und Catherine Ashton eine Koordinierung der EU-Außenpolitik zustandezubekommen, ist nach dem defaitistischen, hasenartigen, panischen, undurchdachten Weglaufen des Westerwelle (und der gesamten Regierung Merkel) nicht nur vom Tisch – es wirkt nachgerade höhnisch, wenn man sich die Erwartungshaltungen, die 2009 „Mr. and Mrs. Europe“ entgegengebracht wurden, nachträglich ins Gedächtnis ruft.

Was Westerwelle da passiert ist, war kein Zufall – es war das Ergebnis seiner Politik. Die FDP steht für keine liberale Grundüberzeugung, für keine Botschaft mehr – außer für eine: beim Wähler gut anzukommen. Aber genau dadurch, daß sie das anstrebt, erreicht sie das Gegenteil. Politische Überzeugungskraft gewinnt man dadurch, daß man mit einem stringenten Programm (und den dazu passenden Personen) vor den Wähler hintritt, sich erklärt und dann um seine Stimme bittet. Was die FDP tut, ist etwas ganz anderes: sie tritt vor den Wähler, befragt ihn nach seinen Wünschen und behauptet dann, sie ihm erfüllen zu wollen, wenn er dafür im Gegenzuge FDP wählte. Damit verschafft man sich die Verachtung des Wahlvolks – jedenfalls auf die Dauer.

Deswegen wird Westerwelle sowohl den Parteivorsitz als auch das Amt des Außenministers verlieren. Nach der unsäglichen Peinlichkeit mit Libyen wird er das wichtigste Amt unseres Staates nach dem Amt des Bundeskanzlers nicht behalten können, jedenfalls nicht über eine gewisse Schamfrist hinaus.

Nur: Was dann? Westerwelle hatte ja schon kein Format. Aber das Zeitarbeitspersonal, das da jetzt nach dem Vorsitz greift, ist indiskutabel. Rösler mag ja eine Menge guter Eigenschaften haben, aber er ist niemand, der Menschen so etwas wie Begeisterung abverlangen kann. Und Lindner? Der ist nach eigener Aussage der Meinung, daß das „christlich-jüdische Fundament unserer Gesellschaftsordnung nicht mehr zeitgemäß“ sei. Deswegen warne ich vor diesem substanz- und wertearmen Politiker und prognostiziere, daß die FDP unter einem mächtigen Lindern erst sukzessive, dann sehr deutlich nach rechtsaußen abwandern wird, die Erfolge der FPÖ vergangener Tage vor Augen. Dadurch aber wird sie die ernstzunehmenden Personen, die sie heute noch in ihren Reihen hat (Leutheusser-Schnarrenberger, Solms, meinetwegen auch Kubicki und Brüderle) endgültig ins Aus drängen.

Die FDP ist meines Erachtens auf dem Weg ins Aus. Das ist selbst verschuldet. Und ein Verlust für Deutschland, denn eine liberale Partei tat allen gut. Es gibt sie nur nicht mehr.