Nein, mein Herr

Cover der Biographie

Peter Longerich ist ein anerkannter Historiker und besonders in den Themen „Das Auswärtige Amt im NS“ und Holocaust ein Fachmann unbestrittener Kompetenz. Aber ach, einen Verfasser guter Bücher mag ich ihn nicht nennen.

Seine Goebbels-Biographie ist schwach. Zunächst einmal erzählt er nicht Goebbels‘ Leben anhand der Chronologie des Dritten Reichs, er erzählt die Geschichte Deutschlands vor und im Nationalsozialismus mit gelegentlichen Verweisen auf Goebbels. Man muß sich beim Schreiben schon entscheiden, für wen, was und warum man schreibt. Dieses Buch läßt den Leser nicht erkennen, daß Longerich diese Frage vorab beantwortete.

Von einer Biographie erwarte ich mehr – oder jedenfalls: etwas anderes – als normative Aneinanderreihungen von Nächten, die Magda Goebbels in Hitlers Wohnungen verbrachte. Relevant wäre eine Interpretation, fundiertes Reflektieren, ein Standpunkt. Alldas ist nicht vorhanden; das Buch erweckt den merkwürdigen Eindruck, der einen erwachsenen Menschen beschleicht, wenn er sein altes Geschichtsschulbuch aus dem Regal nimmt und darin blättert. Das Buch prägt keine These, es läßt jede psychologische Betrachtung des Sujets vermissen, es bewegt sich zu sehr im Bereich des Allzubekannten. Longerich läßt nicht nur jede Gelegenheit verstreichen, „fleischlich“ zu erzählen – was doch ein nicht für mindere Qualität stehendes Merkmal vieler Biographien ist -, er läßt trotz des sich nicht unterhalb des Üblichen bewegenden Umfangs des Buches manches Detail weg. Überhaupt ist seine Schilderung zu geradlinig; er stellt selten dar, wie eine Entwicklung sich extemporierte, wie dieses oder jenes erst so, dann anders ausprobierte wurde, bevor es dann auf eine bestimmte Weise gemacht wurde. Im Privatleben habe ich den Eindruck, daß bis auf Longerichs Idee der Dreiecksbeziehung Goebbels-Magda-Hitler trotz der neuen Quellen der privaten Bestandteile des Tagebuchs keine neue Zeile gelesen zu haben.

Die Aneinanderreihung der einzelnen Kapitel wirkt zusammenhanglos. Das Buch hat keinen roten Faden. Trotz all der Quellen, die Longerich zur Verfügung standen, reicht seine Goebbels-Biographie in keiner Hinsicht an das Buch heran, das nach wie vor den Standard setzt: die 1962 erschienene Goebbels-Biographie von Helmut Heiber. Die kennt leider kaum jemand, auch wenn der Autor – Direktor des IfZ – einer der großen dieser Zunft war. Sie erschien wohl zu früh. Woran man wieder einmal erkennt: timing ist alles.

Ich bin enttäuscht.

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