Der SS-Mann und die Stasi-Schreibse

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article13767260/Christa-Wolf-Von-West-Journalisten-hingerichtet.html

Der Papst ist nicht der Türsteher im Puff, Angela Merkel nicht die Einbläserin der Berliner Autonomen am 1. Mai, Jopie Heesters nicht der nächste James Bond, Renate Künast kein Playboy-Bunny und Stephen Hawking nicht der Bundestrainer. Aber Günter Grass – man erinnert sich: der Mann, der vor lauter Verfassen Gewissen-triefender Literatur ganz und gar vergessen hatte, in der SS gewesen zu sein – fühlt sich berufen, der manchen Ostdeutschen intellektuelle Heimeligkeit vermittelnden Christa Wolf postum eine Ehrenerklärung abzugeben und sie vor all den bösen Westjournalisten zu beschützen, die vom Recht der freien Meinungsäußerung Gebrauch zu machen sich erdreisten. Ja, da wird er toll, der SS-Mann! Da kennt er sich aus! Wenn die Tatsache erörtert wird, daß Christa Wolf drei Jahre lange ein (mäßig guter) Stasi-Spitzel war, dann spricht er von „hinrichten“. Da kennt er sich aus, der Obergruppenführer der Redlichkeit.

Es ist ein tolldreistes Stück. Mit der gleichen Logik hätte Josef Stalin in Nürnberg als Leumundszeuge für Adolf Hitler aussagen können. Der Vergleich ist schief, weil die Ränge nicht passen? Stimmt. Aber das vergrößert die Ungeheuerlichkeit nur in der Höhe – in der Tiefe bleibt es das gleiche Gesellenstück perverser Absichten: Andere mundtot zu machen, sich selbst in nachgerade faschistischer Manier zu erhöhen und den großen Schulterschluß mit denen von der anderen Feldpostnummer zu üben, damit ja nur eines, eines nicht geschieht: daß in einem Staat mit freiheitlich-demokratischer Grundordnung das Recht auf freie Meinungsäußerung – und, das ist nicht weniger wichtig – auf freie Äußerung von Tatsachen ausgeübt werden kann.

Grass tat sein Bestes (das Ausmaß der Unfreiwilligkeit dieses Tuns, das zwischen ganz und gar nicht liegen kann, einmal vernachlässigt), damit der Unrechtsstaat bleibt und der Rechtsstaat nicht kommt. So auch Christa Wolf: mit ihrer sogenannten Kritik an der DDR begab sie sich ja nie wirklich außerhalb des geduldeten Rahmens; mehr als kleine Korrekturen nahm sie nie vor und blieb eine Vorzeigeschriftstellerin des Arbeiter- und Bauernstaats. Sie eckte gerade eben genug an, um interessant zu bleiben. Aber innen war sie und blieb sie ein Bestandteil der Nomenklatur, eine Nutznießerin des Regimes. Mitsamt Reiseerlaubnis nach West-Berlin. So sieht sie aus, die wackere Kämpferin gegen den Unterdrückerstaat! Wie bequem läßt es sich doch auf sanfte Dissidentin machen, wenn man vom Regime gestreichelt wird…

Aber ob sie eine so schlimme Person war, daß sie einen Persilschein von Grass, dessen Ehre Treue heißt, benötigt, das darf dann doch noch bezweifelt werden.

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