Neujahr

Der Wunsch des Menschen, eine Zäsur zwischen dem Gestern und dem Morgen zu setzen, ist ein verständlicher. Im Gestern sind all die Übel, die Probleme, die Sorgen verhaftet, die uns belasten. Die meisten davon lassen sich nicht durch einen Federstrich oder eine beherzte Aktion abstellen, denn sie sind strukturell bedingt. Für eine sofort realisierbare Lösung müßte man in der Lage sein, das Alte, das Morsche hinwegzufegen und etwas Neues, nicht mit diesen Fehlern behaftetes, zu schaffen.

Ernst Jünger sprach von der Notwendigkeit, daß jede Generation ein Stahlgewitter zu erleben habe. Ob er damit tatsächlich einen Krieg meinte oder vor allem darauf abstellte, daß in einer Gesellschaft alle Verhältnisse auf die Probe gestellt und nur jene überstehen, die sich als gut bewährten, während jene vergehen, die als lähmend, schwach, problematisch anzusehen sind, ist nicht bekannt. Das Bedürfnis aber, das dahinter erkennbar wird, ist ein ähnliches wie bei der katholischen Beichte oder beim jüdischen Yom Kippur: dem reuigen Menschen werden seine Sünden (gegenüber den anderen Menschen) vergeben, auf daß er neu anfangen kann. Schön wäre es, könnte man das auch mit der Welt als Ganzes machen.

Manche strukturelle Entwicklung könnte so abgestellt werden. Zum Beispiels der politische Islam, der Islamismus. Eine aktuelle, massive Gefährdung des Weltfriedens durch die höchst gefährliche Gruppe um den Kerikalfaschisten Ahmadinedschad könnte so abgestellt werden. Eine höchst gefährliche Entwicklung rund um den sogenannten arabischen Frühling, der eher eine arabische Götterdämmerung zu werden verspricht, könnte auf neue Beine gestellt werden, auf diese verwirrten Menschen endlich kapieren, daß es niemals die staatgewordene Religion ist, die den Menschen ein besseres diesseitiges Leben ermöglicht – sondern im Gegenteil, daß die Religion sich aus dem Staat auf ähnliche Weise herauszuhalten hat wie der Staat aus der Wirtschaft.

Womit wir beim nächsten wären, was bei einem strukturellen Stahlgewitter zu überprüfen wäre: das internationale Währungssystem, der Euro, die Staatsschulden. Schlimm, schlimm, schlimm ist es zu sehen, wie zu diesen Themen Hinz und Kunz eine Meinung zu haben sich erdreisten, obwohl man bei der ersten Äußerung schon weiß: die wissen gar nichts über die Probleme, die fühlen nur etwas, und das posaunen sie dann als Meinung in die ach so aufnahmebereite Welt hinaus. Zeitgenossen, die nicht das Mindeste über volkswirtschaftliche Zusammenhänge, über Finanzpolitik, Wirtschaftspolitik, Währungspolitik wissen, erdreisten sich, all diejenigen der Dummheit zu zeihen, die solches von Grund auf erlernten und zu ihrem Beruf machten. Es ist ja auch so herrlich wohlfeil, von der Bühne der Ahnungslosen aus, von hinderndem Wissen befreit, großartige Statements in die Welt hinauszuposaunen. Das fällt stets dann auf, wenn seitens mancher eine Abschaffung des Euro gefordert wird. Keine dieser Pappnasen hat sich auch nur einen Moment mit der Frage der Realisierbarkeit einer solchen Maßnahme befaßt. Nicht nur, daß es gerade aus deutsche Sicht mehr als dämlich wäre – es ist schlichtweg nicht möglich, ohne noch weitere Katastrophen über unsere und andere Volkswirtschaften zu bringen. Egal, was kümmert es jene Euphoriker der simplen Lösung?

Zugleich werden die dumpfen Stimmungen, die aus dem Gefühl der Überforderung, der erahnten eigenen Ahnungslosigkeit und dem unerträglich Gefühl, als Alphatierchen nicht um die ultimative Lösung gebeten worden zu sein, noch in anderer Weise gefährlich. Wenn gerade jene, die riskanten Entwicklungen skeptisch gegenüberstehen, nicht konstruktiv an Lösungen arbeiten, sondern höchst destruktiv sich in absurden Gemengelagen wiederfinden, sich selbst der Seriosität entkleiden, dann ist das insofern frustrierend, als sie damit einer bürgerlichen Entwicklung, die unsere alten Werte vertritt, verlustig gehen.

Wo ist denn das bürgerliche Sammelbecken, sei es eine Partei oder etwas anderes, in dem die parlamentarische Demokratie, der Anspruch auf Redlichkeit sowohl der Politiker gegenüber dem Bürger, aber auch der Bürger und der Medien gegenüber der Politik eingefordert wird, in dem der Islamisierung Deutschlands und Europas nicht mittels Aufstachelung zum Haß, sondern mittels selbstbewußter Wahrnehmung eigener Interessen und Verfechtung der Maxime der Aufklärung Widerstand entgegengesetzt wird, in dem die EU, die uns eine ungekannt lange Phase des Friedens sowie einen gänzlich unbekannte Wohlstand brachte, nicht als EUSSR verunglimpft wird, in dem bürgerliche Werte hochgehalten werden?

Ich sehe es nicht. Ich tue mir auch zunehmend schwer, es in meiner Partei – der CSU – zu sehen. Auf einer Sitzung stellte ich fest, daß ich der einzige unter den kleinen Funktionären war, der eindeutig

  • für die Atlantik-Freundschaft als Grundlage unserer Sicherheitspolitik eintrat
  • für die Privilegierung der Ehe gegenüber den anderen Partnerschaftsformen eintrat (ohne deswegen gleich die anderen zu diskriminieren)
  • für die Stärkung der parlamentarischen Demokratie eintrat, weil ein Übermaß ein direkter Demokratie den Webfehler hat, daß diejenigen, die abstimmen, keine Verantwortung für das Ergebnis tragen, während die parlamentarische Demokratie uns seit 1949 gut geführt hat

Wer ist da falsch orientiert? Bin ich es, weil ich in der CSU bin? Ist die CSU nicht mehr das, was sie mal war und weswegen ich in sie eintrat? Oder ist mein Verband einfach anders als die sonstige CSU? Fragen über Fragen, und Antworten gibt’s keine.

So fängt das neue Jahr eben genau dort an, wo das alte endete. Wie könnte es auch anders sein? Morgen ist wieder ein neuer Tag, an dem sich wieder das eine oder andere ändern kann. In kleinen, vorsichtigen Schritten. Das ist im allgemeinen auch menschheitsverträglicher als Stahlgewitter.

 

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