Volksverdrossenheit

In einem ganz anderen Bereich des Internet las ich neulich folgende an mich gerichtete Zeilen: „Und ehrlich gesagt: Warum werden Politiker vom Volk verachtet? Weil sie sich nicht an die Grundsätze halten, deren Einhaltung sie vom einfachen Volk fordern. Weil sie sich schamlos bedienen, wenn sie es so weit nach oben geschafft haben, dass sie es können. Weil sie der Gesellschaft vorleben, dass Versprechen und Eide keinen Wert haben. Kurz gesagt: Weil sie das Volk verachten. Das ist jetzt keine objektive Darstellung und auch nicht exakt meine eigene Meinung – aber das ist das, was im Großen und Ganzen ‚da draußen‘ ankommt.“

Dem aber blieb ich die Antwort nicht schuldig:

Du hast jetzt auf beinahe perfekte Weise gezeigt, was schief läuft bei uns: der Anspruch an Politiker ist in etwa der gleiche wie der Anspruch an den Messias. Begonnen bei der Simplifizierung „sie“, über die ständige Verallgemeinerung „Eide haben keinen Wert“, „weil sie das Volk verachten“. Da bildet sich ein Anspruchsdenken und eine Sicht auf die Wirklichkeit hinaus, die ich nur noch hanebüchen nennen kann. Die Politiker, die ich kenne (ich kenne einige Berufspolitker, und nicht nur aus dem eigenen „Stall“ (CSU)), arbeiten viel. Sie arbeiten meist an sieben Tagen wöchentlich. Da sind mehr Überzeugungstäter – also: Menschen, die das, was sie beruflich tun, auch tatsächlich und im privaten Gespräch ebenso vertreten wie sie es beruflich tun – darunter als in jedem anderen Beruf, vielleicht Pfarrer und Priester ausgenommen. Das leistet beispielsweise so kaum ein Mitarbeiter von McDonald’s, Siemens oder Heidi’s Sonnenstudio (der Deppenapostroph ist beabsichtigt). Jeder Mensch darf auf den eigenen Vorteil bedacht sein, aber wehe, er nennt sich Politiker, dann ist er ein Schwein. Alle Menschen dürfen so sein, wie sie wollen. Supermarktkassiererinnen (die mit Bargeld zu tun haben, also eine besondere Vertrauensstellung haben) dürfen klauen – und wehe, sie sollen daraufhin gefeuert werden. Vielfach vorbestrafte Intensivstraftäter werden uns als „Superstars“ vorgegaukelt. Die Republik hängt an den Lippen einer besoffen autofahrenden Bischöfin, die in ihrer vollständigen Ahnungslosigkeit verkündet, daß nichts gut sei in Afghanistan. Sie will bevorzugt TV-Figuren als Staatsrepräsentanten. Sie will die Todesstrafe und jeden, der mal eine sexuell konnotierte Straftat beging, am liebsten kastrieren. Moment – natürlich nur, wenn es ein Mann ist. Ist’s aber eine Frau, die ungeschützt und ihre HIV-Infizierung verheimlichend mit Männern schläft, dann findet es der SPIEGEL und mit ihm fast die ganze Republik eine Sauerei, daß die Frau überhaupt angeklagt und zu einer, man stelle sich vor, Bewährungsstrafe verurteilt wird. Gnade ihr G’tt, wenn sie ein Mann wäre: dann würde aber der Pöbel nach der armen Seele lechzen! Ein Kai Diekmann, der sich seine Rüffel vom deutschen Presserat beinahe im Abonnement abholt, beklagt das Verhalten Wulffs – der gegen kein Gesetz verstoßen hat; sogar die Antwort in Hannover war doch korrekt – der Fragesteller hätte halt richtig fragen sollen und nicht hinterher dem Wulff den Vorwurf machen, daß er selbst nicht fähig gewesen war, die Frage richtig, also: so wie gewollt, zu stellen. Und so weiter und so weiter. Fazit: im Volk hocken mehr Deppen als in der Politik. Denen nach dem Maul zu reden, ist einer der größten Fehler, den Politik überhaupt begehen kann. Politik sollte nicht so sein, daß in allen Parteien Politiker das Volk befragen, was es denn gerne hätte – Politik sollte vielmehr so sein, daß in allen Parteien Politiker sind, die den Bürgern erklären: „ich sehe die Welt so, so und so, und will dieses, jenes und welches durchsetzen – dafür, Bürger, gib mir deine Stimme“. Wir machen bei der good gouvernance einen Popanz aus dem good, aber interessieren uns immer weniger fürs gouvernance. Das geht schief, sage ich Euch.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: