Skandale und Randale für Anfänger

Im Tagesspiegel schreibt heute Malte Lehming sehr schön, wie es wohl aussähe, wenn es in der einschlägig interessierten Presse eine Anleitung für Pressefuzzis gäbe, wie man einen Skandal macht. Diese Anleitung sähe so aus:

1. Falls Du keine Enthüllungs-Konkurrenz befürchten mußt, warte mit der Veröffentlichung auf eine nachrichtenarme Zeit. Gut ist der Beginn der Sommerferien, perfekt die Weihnachtszeit. Mangels anderer Themen gibt es hier die größtmögliche Resonanz.

2. Verschieß’ Dein Pulver nicht gleich beim ersten Mal. Strecke und dosiere die Geschichte so, dass der Leser das Gefühl bekommt, er habe erst die Spitze des Eisbergs gesehen. Das erzeugt Neugier und garantiert eine längere Haltbarkeit.

3. Ideal ist, wenn sich der Angegriffene zum Zeitpunkt der Lancierung auf Urlaub oder Dienstreise befindet. Dann kann er sich nicht unmittelbar zur Wehr setzen, sondern hinkt dem Skandal hinterher, der dadurch eine Eigendynamik bekommt.

4. Suche Komplizen! Ein einzelnes Medium ist für eine Kampagne zu schwach. Füttere also die Konkurrenz recht bald mit Exklusiv-Informationen, damit sie in die Geschichte einsteigt. Ohne andere willige Vollstrecker – insbesondere auch in den elektronischen Medien – laufen Affären schnell leer.

5. Weil immer etwas hängenbleibt, gib nach der ersten großen Welle Umfragen in Auftrag, die belegen, daß der Angegriffene an Ansehen verliert. Das beschleunigt dessen Negativspirale. Anschließend mußt Du Politiker finden (jeder Hinterbänkler ist willkommen), die seinen Rücktritt fordern. Dann kannst Du tagelang titeln „X immer stärker unter Druck“. Das Thema spielt keine Rolle mehr

6. Dauert die Kampagne bereits lange genug, spielt das Ursprungs-Thema keine Rolle mehr. Dann kann das Zusatzargument gebracht werden, daß die Debatte das Amt selbst beschädigt.

7. Komme mit immer weiteren Vorwürfen. Dabei zählt nicht Qualität, sondern Quantität. Kann sie der Angegriffene schon aus Zeitgründen nicht sofort entkräften, läßt sich ihm Salamitaktik vorwerfen (hinkt der Aufklärung hinterher, gibt nur zu, was ohnehin bekannt ist).

8. Streue immer mal wieder Gerüchte, daß es da noch mehr im persönlichen Umfeld“ des Angegriffenen gebe, das enthüllt werden könnte. Das verstärkt das Mißtrauen gegen diesen und hält den Spannungslevel konstant hoch.

9. Starte nach etwa zwei bis drei Wochen die Nachfolge-Diskussion. Das erzeugt das Gefühl, der Rücktritt des Angegriffenen sei schon beschlossene Sache und nur noch eine Frage der Zeit.

10. Sollte die Person wider Erwarten jetzt immer noch im Amt sein und Du Dein Pulver verschossen haben, konzentriere Dich ausschließlich auf die Charakter-Frage (Pattex-Politiker, klammert sich ans Amt, ist ehrlos, hat keine Würde mehr).

Herrlich!

http://www.tagesspiegel.de/meinung/kontrapunkt-das-thema-spielt-keine-rolle-mehr/6046546-2.html

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