Prinz Jakob der Ahnungslose

Das Problem an weltfremden Ideologien ist, daß man zur Widerlegung einer Propagandathese, die elf Worte umfaßt, zwölfhundert Worte benötigt. Da sich Menschen leichter tun, sich mal eben elf Wörter anzuhören als viele hundert, ist Propaganda grundsätzlich erfolgreich. Gut ist nur, daß alle Propaganda machen – und so heben sich die Wirkungen zuweilen gegenseitig auf. Das gilt aber dann nicht, wenn die Propaganda auch für Doofe zu verstehen ist, die Widerlegung aber etwas intellektuelle Anstrengung erfordert. Das ist vor allem dann der Fall, wenn die Propaganda emotional arbeitet. Wer will schon Eisbären verhungern sehen? Wer will strahlenkranke, japanische Kinder sehen? Wer will erleben, daß die Malediven unter Wasser stehen? Da spielt es keine Rolle, daß es heute mehr Eisbären gibt denn je, daß am Unfall im Kernkraftwerk Fukushima genau null Menschen gestorben sind (durch Erdbeben und Tsunami allerdings 16.000 Tote), und die Malediven nur deswegen einen Rückgang im Tourismus zu verzeichnen haben, weil sie auch allmählich den islamistischen Tendenzen folgen, aber nicht deswegen, weil etwa ein menschengemachter Klimawandel die Inseln unter das ansteigende Wasser drückte. Gegen all diese vorgefaßten Meinungen hilft bei vielen Menschen nichts mehr. Das sind auch eher Fühlungen, denn ihnen liegt weder Wissen noch Denken zugrunde, sondern ein dumpfes Brüten.

Und diese dumpfen Brüter haben einen neuen Meister aller Klassen: Jakob Augstein. Es ist schon famos, welche Menge an Unfug ein einzelner Mensch zu produzieren in der Lage ist. Diesen Jakob Augstein muß Henryk M. Broder vor Augen gehabt haben, als er den umwerfend guten Ausdruck vom linksreaktionären Gutmenschen erfand. Wer sonst wäre geeigneter? Blasiert, tendenziell eher ahnungslos – denn Wissen belastet doch nur die Entwicklung der vielen emotionalen Rülpser -, aber voller guter Überzeugung, larmoyant, bigott, humorlos bis zum Exzeß und von diesem falschen Ernst, dieser falschen Eile durchdrungen, die schon zu allen Zeiten die Menschen verhetzte. Was hat dieser Augstein nur geschrieben, daß ich ihn derartig beschreibe?

„Wenn jemand ohne Schuld seine Arbeit verliert, ist das eine Ungerechtigkeit“. Das schreibt Augstein heute auf SPON (und bemüht dabei sogar Augustus). In diesem Satz, der auf den ersten Blick vielleicht gar nicht besonders auffällig sein mag, steckt alles, was an Irrtum, an Heuchelei nur stecken kann. Auf diesem Satz aufbauend fordert Augstein eine Gesellschaft, die jeden Menschen, der sich nicht gern als Arbeiter der Stirne oder Arbeiter der Faust in irgendeinem sozialistischen oder nationalbolschewistischen System wiederfinden möchte, frösteln macht.

Wie, warum, was soll denn falsch an diesem Satz sein? Er klingt doch nicht falsch, und man kann doch Verständnis haben, wenn das, was bei Schlecker passiert, bedauert wird – könnte man meinen. Falsch. Falsch an diesem Satz ist das Wort „Ungerechtigkeit“. Würde Augstein schreiben, daß es sicher für viele der 11.000 Entlassenen ein Problem darstellt, daß es einen Schlag darstellt – bitte, dann wäre kein Einwand zu erheben.

Es ist aber nicht ungerecht. Das setzte doch zum einen voraus, daß jeder von uns bei seiner Geburt einen übermächtigen Taufpaten gehabt hätte, der mit allen Mitteln garantiert, daß es im Leben gerecht zugeht. Diesen Taufpaten gibt es aber nicht. Das Leben hält Härten bereit – für den einen mehr, den anderen weniger, für den einen verkraftbare, für den anderen unverkraftbare. Natürlich ist auch nur deswegen das Leben schön. Wer könnte sich schon darüber freuen, gesund zu sein, gäbe es keine Krankheit? Wer könnte sich darüber freuen, am Leben zu sein, gäbe es keinen Tod? Augstein aber stellt sich hin und schwafelt zweierlei: erstens, daß es gerecht zugehen müsse. Und zweitens, daß es Aufgabe des Staates sei, Gerechtigkeit walten zu lassen. Das erste ist sowieso und offensichtlich Unfug. Das letztere aber ist ganz gefährlicher Unfug. Es gab Staaten, die versucht haben, eine Art gesellschaftlicher Gerechtigkeit walten zu lassen, ob das nun Volksgemeinschaft hieß oder Sozialismus. Beide Modelle – die eigentlich das gleiche Modell sind – haben vor allem eines gleich verteilt: Elend und Armut. Deswegen war die DDR ein grauer Staat. Deswegen war der lauteste Lacher im vergangenen Bundestagswahlkampf das Plakat der SEDPDSLinkspartei mit dem frohen Versprechen „Reichtum für alle“.

Es ist Aufgabe des Staates, sein eigenes Recht ordentlich anzuwenden. Das ist ganz schön viel und in der Geschichte der Menschheit Mangelware, auch heute noch. Der Rechtsstaat ist mir entschieden lieber als ein gerechter Staat – denn was Recht ist, steht fest. Was Gerechtigkeit ist, sieht ein jeder anders. Gerechtigkeit ist Willkür. Wer immer auch einen gerechten Staat zu gestalten versprach, sprach damit letztlich aus, daß er einen Unrechtsstaat zu schaffen im Begriffe war. Insofern erinnert Augstein ein wenig an Savonarola – aber bitte: nur insofern, als auch von Augstein eine „Gerechtigkeit“ zu erwarten wäre, bei der kein Mensch mehr froh leben kann.

Augstein findet es also „gerecht“, wenn die geldvernichtenden Schlecker-Arbeitsplätze erhalten blieben. Es kümmert ihn nicht, daß dadurch anderen Menschen, die nichts Böses taten, zu Zwangsarbeit verurteilt werden. Zwangsarbeit? Ja, so kann man es doch nennen, wenn jemand arbeiten muß, um Geld zu verdienen, das ihm dann in Form von Steuern für Zwecke abgenommen wird, denen er nicht zustimmt.

Das besonders Schlimme an Augstein ist, daß er es sich leisten kann, derlei Gerede wirklich ernst zu meinen. Der deutsche Durchschnittsgutmensch ist zwar Mitglied bei Greenpeace, aber das hindert ihn nicht daran, bei einem Discounter Billighackfleisch zu kaufen. Durch seinen Greenpeace-Beitrag erkauft er sich eben Ablaß; dieses gut katholische System funktioniert seit Jahrhunderten (und das meine ich keineswegs ironisch). Bei Typen wie Augstein ist die Sache gefährlicher: der meint, was er sagt (solange es nicht an sein Vermögen geht, sondern an das anderer Menschen). Er meint, er hätte ein höheres Recht auf seiner Seite, denn er will doch nichts als „Gerechtigkeit“.

Nun, ich halte es für gerecht, wenn ein Unternehmen, das nur noch Verluste produziert, saniert wird. Dabei fallen Arbeitsplätze weg – die anderswo wieder neu entstehen. Vielleicht nicht im gleichen Dorf. Vielleicht auch nicht zum relativ hohen Lohn, den Schlecker zuletzt bezahlte (und der zwar ein „Erfolg“ der Gewerkschaft, aber auch einer von mehreren Gründen für die heutige Lage des Unternehmens ist). Vielleicht auch nicht mehr in einer Drogerie, sondern in einem anderen Einzelhandelsgeschäft. Dafür aber vielleicht auch in einem florierenden Geschäft, bei dem man am Ende des Monats weiß, daß man an einer Erfolgsgeschichte mitarbeitet (und nicht bloß an einer Geldvernichtung). Vielleicht in einem Betrieb, in dem man nicht quasi alleine ist – sondern mit Kollegen, die man mag oder nicht mag, aber jedenfalls hat. Vielleicht hat man auch mehr Kunden als bislang – und vielleicht auch solche, die an den neuen Arbeitsplatz deswegen kommen, weil es dort adrett aussieht (also anders als bei Schlecker) und weil es dort Produkte zu marktfähigen Preisen zu kaufen gibt (wiederum anders als bei Schlecker). Ich finde das weitaus richtiger, und ich glaube auch, daß den Schlecker-Mitarbeitern, die diesen Wechsel vollziehen, am Ende auch die Würde der Arbeit wiedergegeben wird. Die geht nämlich mit der Zeit verloren, wenn man nur Verluste produziert, wenn man von der Gesellschaft mitgeschleppt und durchgefüttert wird.

Es ist besser, eine wirkliche, von der Gesellschaft benötigte Arbeit zu leisten als eine Arbeit, die so und in dieser Form niemand mehr braucht. Deswegen hat Augstein in keiner Weise Recht: das Problem, um das es geht, ist nicht mit dem Streben nach Gerechtigkeit zu lösen. Überhaupt ist Gerechtigkeit etwas, wovon Politiker sich ferne halten mögen, wenn sie keinen Willkür-, keinen Unrechtsstaat errichten wollen. Und schließlich ist das Ansinnen auch noch falsch.

Dieser Augstein ist das Symptom dessen, was faul ist in Deutschland.

Augsteins Artikel auf SPIEGEL Online: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,825216,00.html
Bilder: Wikimedia Commons
Savonarola: http://de.wikipedia.org/wiki/Girolamo_Savonarola
Jakob Augstein: http://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_Augstein
Nachtrag: Wenn ich Augstein „ahnungslos“ nennen, dann unterstelle ich ihm nicht unzureichendes Faktenwissen – ich weiß nicht, was er weiß. Ich unterstelle ihm dann, keine Ahnung zu haben davon, wie man Dinge zueinander in Relation setzt, wie man subsumiert, wie man Sachverhalte erfaßt, interpretiert und einer gedanklichen Lösung zuführt. Da ich eh schon eher zu lange als zu kurze Glossen schreibe, muß ich zuweilen abkürzen – und sollte es wohl häufiger machen.
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One Response to Prinz Jakob der Ahnungslose

  1. Toller Blog. Gefällt mir sehr gut. Über Augstein könnte ich auch Stunden schreiben. Broder hat es kürzlich präzise auf den Punkt gebracht: „Enteignen Sie sich!“ Genau das Gleiche dachte ich auch beim Lesen der vorletzten Kolumne. Auch der Kommentar „Jakob, der Heuchler“ von Broder war ein Hochgenuss.

    Bei der aktuellen Kolumne muss man vielleicht gar nicht so ausholen. Es werden wahrscheinlich jeden Tag 11.000 Menschen irgendwo in Deutschland entlassen. Mindestens. Für diese Menschen interessiert sich Augstein aber natürlich nicht. Dazu reicht sein Intellekt nicht aus. Ihm geht es medienwirksam nur um die 11.000 Mitarbeiter eines Großkonzerns, die man nun noch ein paar Monate mit Arbeitslosengeld Plus versorgen hätte sollen.

    Das kapieren selbst viele Spiegel-Leser wie absurd diese Politik ist. Die Umfrage am Seitenrand ergibt, dass 53% kein „Hilfspaket“ wollen. Und das obwohl die Spiegel-Trickser die FDP in die Frage mit eingebaut haben. Augstein ist ein Populist und Hetzer. Aber seine extreme Ideologie kommt offensichtlich selbst beim Spiegel-Publikum nicht immer an.

    Ich finde es toll, dass sie Augsteins Irrsinn dokumentieren und freue mich schon auf Ihren nächsten Kommentar.

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