Wahr gesprochen, Nietzsche!

Friedrich Nietzsche, 1882Was fällt, das soll man stoßen, hat Nietzsche gesagt – vor der Phase, in der er sich bevorzugt mit seinem Pferd unterhalten haben soll. Beim Thema Schlecker aber, da hat er Recht, der ansonsten Umstrittene: der Staat hat sich aus dem Fall Schlecker gefälligst herauszuhalten. Und das aus vielen Gründen.

  1. Emotionen sind kein politisches Kriterium – das wußte schon Konrad Adenauer. Natürlich kann man Mitgefühl mit den vielen Entlassenen bei Schlecker haben. Aber was ergibt sich daraus? Eine Pflicht des Staates, ihnen ein Rundumsorglospaket in Form einer Auffanggesellschaft zu schaffen? Ganz sicher nicht. Viele Menschen verdienen Mitgefühl: die chinesische Wäscherin, die zum drölfzigsten Mal durch die Führerscheinprüfung fiel, und der wenig geschäftstüchtige Fahrschulinhaber, der ein Sonderangebot mit Festpreis bis zur Erlangung des Führerscheins eingeführt hat und mit dieser selten dämlichen Idee vermutlich an dieser einen Kundin alleine schon pleite gehen wird. Soll hier der Staat auch retten? Nein – denn Mitleid verdrängt das klare Denken. Wenn Unternehmer mit untauglichen Geschäftsideen auf dem Markt scheitern, dann hat das etwas Gutes – für alle anderen. Man lernt, wie man es nicht macht. Im Falle Schlecker weiß das zwar jeder, der im „Wirtschaft und Recht“-Unterricht der 5. Klasse aufgepaßt hat, aber der guten Ordnung halber: wer tausende von Filialen auf dem flachen Lande hat, die oft lediglich so niedrige Tagesumsätze bringen, daß davon nicht einmal der Wareneinkauf bestritten werden kann – geschweige denn Personal, Miete und alles andere, der hat ein untaugliches Geschäftsmodell. Das muß man einsehen. Auch wenn die böse Realität zuweilen mit anderen Erkenntnissen daher kommt als eine kuschelige, gefühlte Pseudowirklichkeit.
  2. Auffanggesellschaften sind grundsätzlich eher dämlich denn hilfreich. Jetzt kommen die Schlecker-Mitarbeiter aus dem wirklichen Arbeitsleben – jetzt sind sie auf dem Arbeitsmarkt sogar einigermaßen begehrt, denn im Einzelhandel wird Personal gesucht. Wenn sie in Auffanggesellschaften „tätig“ sind oder „fortgebildet“ werden, dann sind sie ein halbes Jahr später weit weniger anerkannt. In unserem Staat werden teilweise „Spielfirmen“ unterhalten, in denen die bedauernswerten Menschen, die in solche Maßnahmen gesteckt werden, arbeiten spielen. Die sitzen dann in einem Raum und spielen Büro. Das bezahlt das Arbeitsamt – und mit Zeugnissen, in denen diese lächerliche Beschäftigungstherapie bescheinigt wird, bewerben sich dann diese armen Menschen – arm, weil Opfer sinnwidriger Gutmenschenpolitik – auf dem wirklichen Arbeitsmarkt, und dort erfahren sie dann unvermeidlicherweise, was solche Kinkerlitzchen wert sind: nichts, nichts, nichts.
  3. Auffanggesellschaften sind nicht nur grundsätzlich dämlich – sie sind es im konkreten Fall ganz besonders. Das Problem von Schlecker ist insbesondere die Vielzahl der Filialen an unwirtschaftlichen Standorten. Ja, wo soll denn da die Auffanggesellschaft hin: nach Flensburg? Nach Kempten? Ins halb entvölkerte Hoyerswerda? Ins heruntergekommene Bad Kreuznach? Es gibt keinen denkbaren Standort für die Auffanggesellschaft, der sinnvoll wäre. Es sei denn, man eröffnete überall dort welche, wo Schlecker dichtmacht. Dann hätten wir endlich wieder einen staatlichen Einzelhandelsbetrieb…
  4. Nunmehr wird klar, warum Kurt Beck nur kurz SPD-Vorsitzender war: er hat’s mit der Wirtschaft nicht so sehr („It’s the economy, stupid!“). Er argumentierte nämlich im Deutschlandfunk, daß ohne die Auffanggesellschaft die Entlassenen vorm Arbeitsgericht klagen und Entschädigungen zugesprochen bekommen würden – diese Entschädigungen würden dann das Rest-Unternehmen Schlecker endgültig ruinieren und noch viel mehr Arbeitslose produzieren. Nun ist Beck gelernter Elektroniker, aber aus seiner jahrzehntelangen politischen Erfahrung könnte er wissen: werden ganze Standorte geschlossen, dann gibt es arbeitsrechtlich keine Entschädigungen für den Verlust des Arbeitsplatzes. Aufgrund falscher These stimmen also auch die gezogenen Schlüsse nicht.
  5. Der Staat soll sich raushalten. Der Markt regelt das. Er regelt es auch besser, als es der Staat je könnte. Hier in Nürnberg schlossen binnen weniger Jahre zwei große Traditionsunternehmen: Quelle und AEG; das war für Stadt und Menschen nicht leicht. Aber nun ist es überstanden. Hätte man diese Menschen in Auffanggesellschaften gesteckt, dann gäbe es heute vielleicht einen gesetzlichen Zwang, einmal jährlich Kleidung bei Quelle zu bestellen und sie im AEG Lavamat zu waschen – aber es wäre kein Problem gelöst worden.
  6. Was dabei herauskommt, wenn der Staat als Unternehmer tätig wird, konnte man im zweiten deutschen Staat, diesem ungemein fiesen Experiment zulasten vieler Millionen, bis 1989 live betrachten: graue Tristesse als Lebensgefühl. Staatlich geführte Einzelhandelsbetriebe („HO“) gab es schon einmal. Ich denke, daß sie weder damals noch heute sinnvoll waren. Falls ein Leser einzuwenden gedenkt, daß das doch nun nicht wirklich der Plan hinter der Auffanggesellschaft sei: doch, doch, das ist er. Die Betriebsratsvorsitzende von Schlecker, Christel Hoffmann, hat das im Deutschlandfunk klar gesagt (Link: ganz unten).
  7. Das Thema paßt zur FDP, und es ist erfreulich, daß sie kurz vorm allseits erwarteten Parteitod etwas wiederentdeckt hat, womit sie sich profilieren kann. Ich werde sie trotzdem nicht wählen – ich bin Mitglied der CSU. Aber dennoch würde es mich freuen, wenn die FDP sich im Parteienspektrum und in allen Landtagen außer dem bayerischen wird halten können. Schade finde ich, daß mein Bezirksvorsitzender, der bayerische Finanzminister Markus Söder, sich hier nicht ähnlich äußerte. Aber wenn in einigen Wochen die weitaus meisten Schlecker-Mitarbeiterinnen in neuen Arbeitsplätzen tätig sein werden, dann wird man hoffentlich anerkennen, daß es richtig war, den Markt die Dinge regeln zu lassen.

Unrecht hat Christel Hoffmann. Diese Frau hat, will es scheinen, in der ganzen Sache noch keinen vernünftigen Satz gesagt. Das wäre nicht weiter schlimm – wäre sie nicht die Betriebsratsvorsitzende von Schlecker.

Von Frau Hoffmann (der Nietzsche gegenübergestellt zu werden er nicht verdient hat) stammen folgende Äußerungen:

  • „Ich denke mal, dass das in Worte fast nicht zu fassen ist“, verkündet sie, um genau das zu tun, es ihn Worte zu fassen: „Das sind Kolleginnen, die zehn, 15, 20 Jahre dabei waren und ihnen ist durchaus bewusst, dass sie heute Morgen das letzte Mal aufschließen und heute Nachmittag, gegen Abend, das allerletzte Mal abschließen“. Woran man den ganzen Unsinn erkennt: wenn ein Mensch eine Arbeit leistet, die nicht benötigt wird, dann sucht er sich eben eine andere. Aber nein, wenn es nach solche Menschen ginge, dann dürfte es niemals Veränderungen geben…
  • „Ich fühle mich … von ver.di gut begleitet und betreut, und ja, die Kolleginnen, wie gesagt, und die Kollegen haben halt hier Kontakt zu unserem Büro. Und Sie können sich vorstellen, dass unser Tag nicht nur acht Stunden hat, aber das alles so gerne und von Herzen“. Nun ja – vielleicht würde die Betriebsratsvorsitzende das Bessere tun, wenn sie nicht vor allem am Erhalt ihres eigenen Arbeitsplatzes werkeln würde, sondern „von Herzen“ sinnvolle Maßnahmen unterstützte. Aber darf man derlei Naheliegendes von einer Betriebsratsvorsitzenden verlangen?
  • „Es geht ja nicht nur um den Kampf von Erhaltung von Arbeitsplätzen, sondern wir kämpfen ja parallel für den gesamten Handel, dass die Nahversorgung wieder beständiger wird. … Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, in jedem Dorf, in jedem kleineren Stadtteil hat es einen sogenannten Tante-Emma-Laden gegeben. Die Nahversorgung auf dem Land ist so katastrophal schlecht, dass auch da die Politik gefragt ist. Wenn doch ein Einzelhändler den Mut hat, in die Nahversorgung zu gehen, warum soll er dann nicht unterstützt werden. Ich habe es schon mal gesagt, es soll auch kein Rettungsschirm für Schlecker sein, sondern der gesamte Handel muss weiterleben, auch auf den Dörfern.“ – Unfaßbar. Natürlich sind diese Umstände beklagenswert, aber sie sind da. Und sie sind deswegen da, weil die Menschen im Internet bestellen, weil sie zum Discounter fahren, weil Schlecker ihnen zu schmuddelig ist, zu teuer, zu wenig Auswahl hat, und weil nicht jeder von einer unausgelasteten Kassiereren zugetextet werden will. Aber die gute Frau will nicht nur Schlecker retten – nein, der gesamte Handel soll es sein, darunter macht sie es nicht.

Es sind diese Menschen, die subjektiv ganz gewiß nichts Böses wollen, die für viel Unglück auf der Welt verantwortlich sind.

Deutschlandfunk-Interview mit Christel Hoffmann (Skript und Audio): http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1712762/
Friedrich Nietzsche: http://de.wikipedia.org/wiki/Nietzsche
Kurt Beck: http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Beck
Bilder: Wikimedia Commons
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