Kein Antisemit!

Es ist wie mit den Nazis: eigentlich gab es nie welche. Nach 1945 waren sie alle nur aus Zufall in der NSDAP, oder „um Schlimmeres zu verhindern“, oder weil sie „gezwungen“ worden waren. Nach ’45 hatte kaum einer die Aufrichtigkeit, laut zu sagen: „Jawohl, ich war ein  Nazi“. Das hätte es ermöglicht, an diesen Satz weitergehende Erläuterungen anzuhängen. „Heute aber weiß ich, daß…“ sind nicht die Anfänge der schlechtesten Sätze.

Gerade für einen um 1925 Geborenen wäre reichlich Gelegenheit gewesen, derlei zu sagen. Es hätte ihm in den Nachkriegsjahren vielleicht manch scheelen Blick von Weggefährten eingebracht (etwa solchen, mit denen man in der SS war), aber ein junger Mensch hätte so bekennen können, daß er durch die HJ, durchs Elternhaus, durch die Schule, durch alles, dem er ausgesetzt war, dazu gebracht, gezwungen oder verführt worden war, ein Nazi zu werden, und daß er mittlerweile ein Nazi nicht mehr sein möchte. Einem 17jährigen, der im Herbst 1944 freiwillig antritt, mache ich keine grundsätzlichen Vorwürfe. Einem 20jährigen, der 1947 noch keinen Abstand zu demjenigen Menschen gefunden hat, der er drei Jahre vorher gewesen war, schon eher.

Grass ist nicht vorzuwerfen, daß er 1944 zu Hitlers Avantgarde gehörte und gehören wollte. Daß er, als einer der bekanntesten Deutschen, so tat, als wäre sein Lebenslauf frei von Einschlägen – das ist es, was verstört.

Indem Grass sich von seiner SS-Zugehörigkeit sechs Jahrzehnte lang nicht distanzierte, ist es, als wäre er stets neu beigetreten, wenn er eine Gelegenheit, sich zu bekennen, vorbeistreichen ließ in der Hoffnung, nicht erkannt zu werden – die wie die Hoffnung eines Exhibitionisten ist, bei der polizeilichen Gegenüberstellung nicht identifiziert zu werden.

Nun – das alles ist fleißig erörtert worden in den letzten Tagen, von klugen und von weniger klugen Menschen, es wurde Neues gesagt und viel Altbekanntes. Die meisten Menschen, abgesehen im Wesentlichen von einigen bekannten Dorfdeppen, waren sich in der Ablehnung des Grass’schen Auswurfs einig.

Es herrscht jedoch große Uneinigkeit darüber, ob Grass als Antisemit oder dieses vorgebliche „Gedicht“ als eine antisemitische Äußerung zu bewerten sei. Damit beziehe ich mich nicht auf Zeitgenossen wie Guido Westerwelle; sogar Menschen mit (auch diesbezüglich) feinem Sinn wie Marcel Reich-Ranicki stellten fest, daß Grass kein Antisemit sei.

Warum?

Einer der möglichen Gründe lautet: Es gibt keine Definition von Antisemit. Es gibt zig Versuche, aber da es kein naturwissenschaftlicher Terminus ist, kann man stets darüber streiten. Was ein Liter ist, steht fest (jedenfalls für normale Menschen – daß Physiker sogar darüber in ein langes Streitgespräch einzutreten in der Lage sein, mag hier unberücksichtigt bleiben), was schwarz oder weiß ist, ebenfalls. Auch im geisteswissenschaftlichen Bereich gibt es Eindeutiges. Wir wissen, was ein Demokrat ist, was eine Katholik ist, was ein Kommunist ist. Freilich: an den Rändern mag es mal Abgrenzungsunrundungen geben. War Honecker Kommunist, Sozialist – oder einfach nur ein Diktator? Ist Uta Ranke-Heinemann eine Katholikin oder, wie sie meint, eine Exkommunizierte? Aber wir wollen nicht über die Ränder sprechen, wir wollen über den Kern der Sache sprechen:

Wer ist ein Antisemit?

Ein Antisemit ist, wer Juden

  1. ohne normativen Kontext als Juden wahrnimmt, obwohl es darauf nicht ankommt (wie es derjenige tut, der fragt, wie viele Juden Millionäre seien, obwohl er sich noch nie gefragt hat, wie viele Millionäre Katholiken sind oder wie hoch der Prozentsatz der Protestanten unter den verurteilten Steuerhinterziehern ist)
  2. für den Staat Israel in die Verantwortung nimmt oder ihn damit identifiziert (deutsche Juden sind Deutsche und keine Israelis)
  3. ausgrenzt, um anschließend aus ihrer Ausgrenzung Erkenntnisse zu gewinnen (dazu gehört, Juden zunächst eine Sonderrolle zuzuweisen, um sie hernach dafür zu kritisieren, daß sie angeblich eine Sonderrolle inne hätten)
  4. wider besseres Wissen mit falschen Klischees assoziiert (um ein sehr bekanntes zu bringen: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ ist keine Forderung eines rachsüchtigen Gottes, sondern war zu seiner Zeit, als sich zuweilen ganze Familien gegenseitig auslöschten, weil einer aus Familie X einem Mädchen aus Familie Y zu nahe kam, ein Übermaßverbot. Der Zweck der Vorschrift lautet, daß man nicht mehr als Schadensersatz, als Sühne fordern darf, als einem selbst angetan wurde)
  5. als eine Rasse behandelt, wer im Judentum etwas Rassisches erblickt, also Wörter wie „Halbjude“ im Munde führt (Noch niemand sprach von einem Halbkatholiken oder einem Viertelvertriebenen)
  6. mit anderen Maßstäben mißt („Gerade du als Jude solltest wissen,…“)
  7. in Verschwörungstheorien als Gruppe einbaut
  8. wider oder ohne Beweis in esoterischer Weise für Dinge verantwortlich macht („Bei 9/11 ist kein Jude gestorben…“)
  9. als „Fremdkörper“ zur deutschen Volksgemeinschaft sieht – oder in sonstiger Weise ohne sachlichen Grund einen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden macht
  10. derart in einen Zusammenhang mit dem Holocaust stellt, daß sich daraus (ausgerechnet) für die Juden irgendwelche Anforderungen ergeben, denen sie gefälligst zu genügen hätten

Ist Grass in diesem Sinne ein Antisemit? Ja. Und zwar ein lupenreiner: 3, 4, 6, 7, 8, 10.

Woher diese Unlust, Antisemiten Antisemiten zu nennen? Ist der Papst katholisch? Ja. Ist Grass ein Antisemit? Ja. Was das Herumeiern so vieler in dieser Frage soll, ist unklar. Es ist richtig, Dinge bei ihrem richtigen Namen zu nennen: Grass ist ein Antisemit.

Im Übrigen gilt: wer antisemitische Klischees benutzt, wer antisemitische Inhalte verbreitet, der ist wenigstens bis zum Beweis des Gegenteils ein Antisemit. Es kommt – natürlich – zu Beweislastumkehr. Wer Juden für irgendetwas für verantwortlich erklärt (wofür noch niemand die Katholiken, die Radfahrer oder die Linkshänder für verantwortlich erklärte), der muß selbst damit zurechtkommen, wenn er daraufhin für einen Antisemiten gehalten wird – und vor allem: Maulen gilt nicht. Wer, wie Grass, mit antisemitischen Dreck schmeißt, hat keinen Anspruch gegen die Gesellschaft, in seinem nunmehr braunbefleckten Gewand als „sauber“ wahrgenommen zu werden.

Das Bild zeigt Julius Streicher 1946 vor dem IMT in Nürnberg und stammt von Wikimedia Commons.
 
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3 Responses to Kein Antisemit!

  1. Don Furioso says:

    Charakteristisch für Grass‘ Generation in Deutschland ist diese Opferpose. Alle waren sie bloß Opfer des Naziregimes. Grass ist das Oberopfer, und er hat kulturell nichts zur Entnazifizierung Deutschlandsbeigetragen. Nun sogar im Gegenteil.

  2. Pingback: Günter Grass und die Kleingeister « wildezeiten

  3. Schöne, treffende Definitionen.

    Woher diese Unlust, Antisemiten Antisemiten zu nennen? Ist der Papst katholisch? Ja. Ist Grass ein Antisemit? Ja. Was das Herumeiern so vieler in dieser Frage soll, ist unklar. Es ist richtig, Dinge bei ihrem richtigen Namen zu nennen: Grass ist ein Antisemit.

    Das ist in Deutschland wirklich strange. Die Deutschen haben doch auch sonst keine Probleme Rassisten als Rassisten zu bezeichnen. Islamhasser, Nazis, Linkenhasser. Mit diesen Begriffen ist man ganz schnell bei der Hand. Aber Antisemit, damit geht man extrem sparsam um. Herr Broder meinte einmal treffend: Unter sechs Millionen Toten ist in Deutschland nichts Antisemitismus.

    Antisemit wird in der deutschen Alltagssprache praktisch gleichgesetzt mit einem Menschen, der Juden massenhaft ermorden will. Das ist natürlich ein Imageproblem, dass sich aber nicht dadurch lösen lässt, dass man die Antisemiten einfach nicht mehr als Antisemiten bezeichnet. Antisemiten sind Antisemiten. Judenhasser. Aus welchen Gründen und mit welchen Zielen auch immer.

    Grass ist ja kein rassischer Antisemit, der alle Juden weltweit vernichten will. Hitler und viele Nazis dachten so, das ist Allgemeingut. Dass Grass so denkt, behauptet ja niemand. Vielleicht liegt darin ja das Missverständnis bei vielen. Antisemiten wie Augstein, Hessel und Grass betrauern liebend gerne tote Juden. Darin sind sie wahre Meister. Aber wenn Juden ihren eigenen Kopf haben. Wenn sie leben wollen. Wenn sie kämpfen. Wenn sie Krieg führen müssen. Dann ticken diese modernen Antisemiten regelmäßig komplett aus.

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