Kein Antisemit? (2) Schamlos, erbärmlich, Thierse.

Der Deutschlandfunk ist ein Stück Kultur. Nicht, daß er das unübertreffliche Medium an sich wäre – aber verglichen mit allem anderen, was man an Radio oder gar Fernsehen zur Verfügung hat, kann man für die Existenz des DLF dankbar sein. Leider aber schießt auch das sonstige Qualitätsmedium DLF zuweilen einen Bock; manchmal sogar einen großen.

Heute morgen im Deutschlandfunk vertritt der stellvertretende Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, SPD, nachdrücklich die These, daß Günter Grass nicht als Antisemit bezeichnet werden sollte, daß Grass mit seiner Thematisierung eines israelischen Atomschlags gegen den Iran eine in Deutschland weit verbreitete Angst ausdrücke, daß man nicht jede Kritik an Israel als antisemitisch brandmarken dürfe, weil dann keiner mehr Israel kritisieren dürfe, ja, daß man, indem man diesen Vorwurf erhebe, eine „Antisemitismusfalle“ aufstelle, der man dann selbst nicht entrinnen könne.

Warum wird Grass vorgeworfen, daß sein „Gedicht“ antisemitisch sei?

  • Weil er es kurz vor Pessach veröffentlichte – wie schon „Der Stürmer“ seine jährliche „Ritualmord-Sondernummer“ im Frühjahr brachte. Ob Grass es darauf anlegte, daß der Leser an ränkeschmiedende Juden dachte, die christliche Knaben töten, um vor Pesach deren Blut in Mazzen zu verbacken, kann man von außen nicht wissen. Grass aber kennt dieses billige, antisemitische Klischee – und er wendet es an, indem er es am Tag vor Gründonnerstag, zwei Tage vor Pessach, unter großem und mühevoll inszenierten Rummel in mehreren Tageszeitungen veröffentlichen ließ – damit hat eigentlich Grass das getan, was sonst gerne den Juden vorgeworfen wird: Medienmacht demonstriert. Da schafft der alte Kerl es Lübeck es doch tatsächlich, seine Zeilen in der Süddeutschen, der römische La repubblica, der Madrider El pais zeitgleich veröffentlichen zu lassen, wobei die Helden von der hohen Gesinnung des SZ es sogar zuwege brachten, das Grass’sche Pamphlet ohne Kommentar abzudrucken. Nicht nur der Soll-Kaufmann weiß, daß Schweigen Zustimmung bedeuten kann.
  • Weil er das antisemitische Klischee vom Juden benutzt, gegen den man nichts sagen dürfe – und zwar an der exponiertesten Stelle des „Gedichts“, dessen Titel: „Was gesagt werden muß“. Das ist ein sogenanntes Strohmann-Argument: Grass tut so, als sei er wahnsinnig mutig, indem er endlich einmal sage, was gesagt werden müsse. Das ist natürlich ganz furchtbar dämlich. Jedermann kritisiert Israel, und bei nahezu niemandem führt das zum Vorwurf des Antisemitismus. Es ist eben nicht die Kritik an Israel, die zu diesem Vorwurf führt. Die amerikanische Außenministerin Clinton kritisiert Israel sozusagen täglich und warnt davor, den Konflikt um Irans Atombombe militärisch werden zu lassen. Die halbe Welt, wenn’s reicht, kritisiert das, was unter dem Schlagwort von Israels „Siedlungspolitik“ bekannt ist – und wird deswegen nicht als antisemitisch bezeichnet. Jeder darf Israel kritisieren. Aber wenn man Israel „kritisiert“, indem man Lügen und Klischees zum Nachteil der Israelis anhäuft, andere Lügen und Klischees zum Vorteil von Israels Gegnern anhäuft, dann gilt man zurecht als Antisemit. Was denn auch sonst?
  • Weil Grass ein Lügenmaul ist. Er wirft Israel vor, einen Erstschlag gegen den Iran zu planen, der längst in Planspielen geübt und vorbereitet werde. Vielleicht weiß nicht jeder Leser, was Erstschlag bedeutet. Erstschlag ist ein Angriff mit Atomwaffen, der den Angegriffenen wehrlos machen soll. Man muß sich diese dreckige, schamlos Hetze vor Augen halten: Grass wirft den Israelis vor, sie beabsichtigten, den Iran mit Atombomben anzugreifen und dessen Bevölkerung zu vernichten. Israel tut derlei nicht. Es ist der Iran, der durch seinen Präsidenten Ahmadinedschad ständig droht, Israel zu vernichten, der damit droht, den „Zionismus“ auszurotten. Nun wird um diese Drohungen des Ahmadinedschad gegen Israel eine Übersetzungsposse aufgeführt, die an Lächerlichkeit ihresgleichen zu suchen scheint – aber ach, alles schon mal dagewesen. In Nürnberg, am Vormittag des 17. April 1946, entspann sich vor dem Internationalen Militärtribunal ein Gespräch zwischen Alfred Rosenberg und dem amerikanischen Ankläger Thomas J. Dodd über die Bedeutung des Wortes „ausrotten“. Rosenberg beliebte, dem Gerichtshof weismachen zu wollen, daß damit so etwas wie „überwinden“ gemeint gewesen sein soll. Auch Hitlers Erklärung vom 30. Januar 1939 enthält ein solches Signalwort: “ dann wird das Ergebnis … die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ sein. Ausrottung, Vernichtung. Und was unterstellt Grass dem Staat Israel? Vernichtung, den Willen, „allesvernichtende Sprengköpfe“ nach dem Iran zu schicken. Grass macht hiermit Täter zu Opfern und Opfer zu Tätern. Vor dem Hintergrund des Holocaust ist die Thematisierung eines „atomaren Holocaust“ – man wird sich an dieses Wort aus den 80ern noch erinnern – eine Perversion. Was Grass treibt, erinnert an das unfaßbare Reden des Heinrich Himmler vom 4. Oktober 1943: Die Vernichtung der Juden „durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte“. Grass folgt auch diesbezüglich seinem Reichsführer: man tut sich auch noch leid dafür, daß man sich gegen die Juden wehren muß, und man bedauert sich dafür, daß man diese schwere Aufgabe erfüllen muß.
  • Weil Grass sich mit allem verrät, womit er sich nur verraten kann. In der SZ sagt Grass, daß Israel mit der Sorge vor der iranischen Atombombe einen „Popanz“ aufbauen würde. Einen Popanz! Ein Popanz ist eine nicht ernstzunehmende Schreckgestalt. Nicht genug damit, daß Grass hier in der Tradition seines früheren Vereinsblatts Das schwarze Korps die antisemitische Interpretation des Golem aufwärmt – will Grass wirklich von Israel verlangen, daß es den haßerfüllten Vernichtungsphantasien des iranischen Gottesstaates nichts entgegensetzen darf? Ja, das will er, der ach so Friedfertige.  Denn diese Äußerungen aus dem Iran seien doch nicht ernstzunehmen, das habe doch nur ein „Maulheld“ gesagt. Na, da werden sich aber die vielen Tausende herzlich bedanken, die der „Maulheld“ schon unter die Erde gebracht hat, die er hat foltern lassen, an Baukränen hinrichten, die von der Tugendpolizei totgeprügelt, totgefoltert wurden, die 2009 beim Versuch, den iranischen Staat bei den Präsidentschafts“wahlen“ wenigstens rudimentär zur Einhaltung von Regeln zu bewegen ermordet wurden… Ein Maulheld? Ein Maulheld ist laut Duden die abwertende Bezeichnung für einen Angeber. Wie abartig ist das Verhältnis des Grass zur Wahrheit, zur Redlichkeit? Er ist nicht nur ein Antisemit, er ist ein unverfrorenes Lügenmaul. Und auch das gehört ausgesprochen. Welche Form des Anstands soll das denn sein, die einen solch liderlichen Zeitgenossen vor einer klaren Bezeichnung der Erbärmlichkeit seiner Existenz bewahrt? Moralische Verkommenheit darf nicht nur, sie soll sogar als solche bezeichnet werden.
  • Weil Grass ein kommendes Verbrechen nicht etwa darin sieht, daß der Iran Israel mit seiner kommenden Atombombe auslöscht, auch nicht darin, daß vor allem, aber nicht nur die Hamas jeden Israeli und – ausdrücklich – jeden Juden töten will – nein, nicht für diese realen und täglich erneuerten Bedrohungen wendet die personifizierte Perfidie Grass seine „letzte Tinte“ auf, nicht diejenigen, die heute schon Mörder sind und gerne Völkermörder werden möchten, sind Gegenstand seiner Sorge – sondern vielmehr diejenigen, die die Frechheit besitzen, zu leben. Oder, um es mit Focus zu sagen: „Israel droht mit Selbstverteidigung“. Das wäre ja noch schöner, da sei der SS-Mann vor! Und Grass tut sein Bestes, diesen unverschämten Judenlümmeln zu zeigen, wo der Barthel den Most holt. Da gibt’s keine deutschen U-Boote! Damit könnte Israel seinen Feinden drohen: „Wenn Ihr uns mit Atombomben angreift, mögen wir alle schon tot sein, aber unsere U-Boote werden dann Euch töten“ – und diese Drohung wäre bei Vernunftbegabten der einzige Weg, sie von ihrem Tun abzuhalten. Aber Grass, der intellektuelle Judenmörder, will das nicht – er will, daß die Juden stille halten, auf daß der Iran das Werk der SS, in der Grass mit dabei war, zu Ende bringen kann. Es ist wie in Hitlers Testament: der hat auch „mit letzter Tinte“ das deutsche Volk zur Einhaltung der Rassegesetze aufgerufen. Und was Adolf Hitler recht war, kann Günter Grass nur billig sein. Für ihn als alten SS-Mann gilt noch das alte Motto: „Meine Ehre heißt Treue“.

All deswegen wird Grass vorgeworfen, ein Antisemit zu sein. Noch Fragen, Thierse?

Und es sind auch nahezu alle keine Antisemiten. Oder ist es umgekehrt – und nahezu alle sind Antisemiten? Der Mann – Thierse – entblödete sich nicht, zu sagen:

 Ich habe ja gerade gesagt, dass ich es für ein gefährliches Vorurteil halte, dass man in Deutschland sich nicht kritisch mit der israelischen Politik befassen dürfe, und dieses Vorurteil wird eher bestätigt, wenn man in einer Schärfe auf Günter Grass reagiert und ihn des Antisemitismus verdächtigt und der alten SS-Mentalität, sondern mein Wunsch ist, dass wir sozusagen die politische Debatte führen, die sich mit den Aussagen von Günter Grass beschäftigt, was ist daran falsch und einseitig, ich habe das vorhin ausdrücklich gesagt, die Bewertung von Iran und Israel ist auf fatale Weise einseitig, und nicht sozusagen den Eindruck erweckt, hier ist nun ein großer alter Mann zu seinen Anfängen zurückgekehrt. Wer so öffentlich darauf reagiert, sage ich, der erzeugt eine Antisemitismusfalle, aus der dann die ältere und mittlere Generation gar nicht mehr entrinnen kann, und das fände ich falsch.

Obwohl der Verfasser dieses Blogs als Mitglied der CSU von der anderen Seite des politischen Spektrums ist, hat er Thierse stets eine gewisse Seriosität nicht verweigern wollen. Aber wie will man das aufrechterhalten? Man lese das Zitat, und man wird erkennen: Am Antisemitismus sind die Juden schuld! Das Geschwafel Thierses von der „Antisemitismusfalle“ zeigt, wie verbohrt der Mann ist. Gleichzeitig sagt er damit, daß die Deutschen der älteren und mittleren Generation quasi sowieso alle Antisemiten seien. Man dürfe sie aber nicht Antisemiten nennen, weil man ihnen dann keine andere Wahl ließe, als Antisemiten zu sein. Schamlos, erbärmlich? Thierse!

Bild: Wikimedia Commons
Zum Link i.S. IMT/Rosenberg/Dodd/“Ausrottung“: Nach Klick auf den Link empfiehlt es sich, mit STRG+F nach den Zeichen „Ausrott“ zu suchen; ab der zweiten Fundstelle ist die bezogene Passage erreicht.
 
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