Quod licet Iovi, non licet bovi

Was Jupiter erlaubt ist, darf das Rindvieh noch lange nicht, wie der Lateiner sagt. Oder: Wenn zwei das gleiche tun, ist es nicht dasselbe. Wenn der Gideon-Bund kostenlos das Neue Testament verteilt, dann mag man sich in seinem Hotelzimmer darüber freuen oder ärgern, wie es einem gefällt, und als Hotelier darf man sich frei entscheiden, ob man diese Bücher auslegt oder nicht. Wenn eine Universitätsbibliothek das Buch Mein Kampf vorhält, ist das etwas anderes, als wenn ein russischer oder türkischer Nazi das Buch neu auflegt und vertreibt. Wenn ein katholischer Missionar sich mit einem Atheisten darüber streitet, ob es richtig ist, in Fußgängerzonen das Christentum zu missionieren, dann mögen da auch verbal die Fetzen fliegen, aber es ist etwas anderes, als wenn der eine den anderen bedroht.

Natürlich dürfen in unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung Religionsgemeinschaften für ihren Glauben werben. Manche tun es; manche, wie das Judentum oder der Buddhismus, lassen es. Manche dieser Missionierungsversuche sind zurückhaltend, wie etwa die etwas verschroben wirkenden Wachtturm-Leutchen, andere, wie etwa die katholische Karfreitags-Fürbitte für die armen Judenkinder, werden durchaus als etwas anmaßend empfunden. Aber all das gehört zum Leben: die einen wähnen sich im Besitz einer alleinseligmachenden Wahrheit (das darf man), wollen diese vermeintliche Wahrheit anderen bekanntgeben (das darf man), auch solchen, die das nicht gerne wollen und sich das verbitten (in gewissen Grenzen darf man auch das) und dem Missionar freimütig erklären, was sie von seiner „Wahrheit“ halten (ja, das darf man).

Wenn man einem Christen etwas Unfreundliches über Jesus sagt, dann wird der im Allgemeinen, also: im Normalfall, vermutlich betrübt reagieren. Wenn einer einem Juden Unfreundliches über das Alte Testament sagt, wird der im Normalfall achselzuckend reagieren, denn das ist für ihn der Normalfall. Was aber, wenn man einem Moslem etwas Unfreundliches über Mohammed, Allah oder den Koran sagt? Dann ist die Hölle los. Im Normalfall.

Die Welt ist voller Karikaturen, Lästereien, Beschimpfungen über Papst Benedikt. Es ist nicht bekannt, daß deswegen in mehrheitlich katholischen Ländern wie Italien oder Frankreich Menschen im Dutzend niedergemetzelt worden wären. Es ist auch nicht vorgekommen, daß in Rom Zigtausende demonstrierten, weil ihrem Oberhaupt in Islamabad nicht gehuldigt wird. Das halten wir auch allesamt für richtig, möchte man meinen. Es ist common sense, daß ein jeder für seine Weltanschauung wirbt und daß er die Meinungsäußerung der anderen auf seine Werbung hinzunehmen hat. Das aber beachten muslimische Gruppen nicht.

Wenn mir jemand ein Gideon-Neues Testament in die Hand drückt, kann ich das ihn den nächsten Mülleimer werfen (wenn mir denn danach wäre). Ich hätte nichts zu befürchten. Was aber, wenn ich am morgigen Samstag in der Fußgängerzone einen Koran von den „Lies!“-Salafisten entgegennehme und in den nächsten Eimer werfe? Werde ich dann darauf rechnen können, daß die Jungs die Regeln der freiheitlich-demokratischen Grundordnung akzeptieren? Darf ich mit ihrem Koran machen, was in islam(ist)ischen Staaten alle Nase lang mit allem möglichen geschieht, was uns wichtig, sozusagen „heilig“ ist? Natürlich nicht. Wer einen solchen Koran entgegennimmt und sogleich danach „beschmutzt“, der wird in der Tat reale, physische Gefahren zu gegenwärtigen haben.

Journalisten, die kritisch über „Lies!“ berichteten, wurden im Internet bedroht. Indem dort private Photos dieser Journalisten gezeigt wurden, wurden die Drohungen gefährlich – zeigte man doch, daß man viel über sie weiß: wo sie wohnen, wie sie leben – die Botschaft ist: „Wir kennen euch, wir kriegen euch“. Hier ist Gewalt im Spiel.

Und eben deswegen ist das, was sich morgen wieder in deutschen Innenstädten abspielen wird, nicht harmlos. Es ist gewalttätig.

Die Salafisten befürworten die Steinigung von Frauen. Sie sind für die Hinrichtung aller Homosexuellen. Und sie sind jederzeit gewaltbereit.

Deswegen ist es nicht richtig, sie tun zu lassen, was sie tun. Als politische Partei wären die Salafisten als Verfassungsfeinde erster Ordnung so etwas von verboten – unter dem Deckmantel der Religion genießen sie eine Freiheit, aber dieser Freiheitsgebrauch ist mißbräuchlich.

Es wäre wünschenswert, wenn noch heute zu Demonstrationen gegen diese Zurschaustellung salafistischen Einflusses in Deutschland aufgerufen werden würde. Vielleicht geschieht das noch.

Aber warum werde ich das Gefühl nicht los, daß solche Aufrufe eben nicht von islamischen Gruppen ausgehen werden? Weil ich der Meinung bin, daß die meisten islamischen Organisationen zwar nicht so radikal sind wie die Salafisten, daß sie sich aber ihnen nicht in den Weg stellen. Ich möchte gerne erleben, daß ganz normale Moslems sich für die Verteidigung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung einsetzen. Aber das wird wohl wieder nichts.

Bild (eine römische Kamee, Jupiter zeigend): Wikimedia Commons
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One Response to Quod licet Iovi, non licet bovi

  1. Aufklärung statt Aufregung

    Der Prophet Mohammed machte mit dem Koran den heute für Juden und Christen „ersten“ Schöpfungsmythos der Genesis (7-Tage-Schöpfung), der nachträglich im 6. vorchristlichen Jahrhundert von der israelitischen Priesterschaft vor den heute „zweiten“ Schöpfungsmythos (Paradiesgeschichte) gesetzt wurde, wieder rückgängig. Mehr steckt nicht dahinter.

    Zwar konnte Mohammed die wirkliche Bedeutung der heute in Genesis 3,1-24 beschriebenen Erbsünde aus eigener Kraft erkennen (Auferstehung), jedoch war er verglichen mit Jesus von Nazareth nur ein ganz kleines Licht, denn er fand nicht heraus, wie diese „Mutter aller Zivilisationsprobleme“ zu überwinden ist (Erleuchtung):

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

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